Profil und Geschichte des Instituts
Im September 1819 erfolgte die kaiserliche Stiftung eines „protestantisch-theologischen Studiums“ in Wien, im März 1820 wurden die Stellen ausgeschrieben. Das Studium an der hierfür geschaffenen Lehranstalt (programmatisch keine universitäre Fakultät) sollte zwar wissenschaftlich fundiert sein und dadurch für den Theologennachwuchs aus dem Habsburgerreich den Besuch deutscher theologischer Fakultäten ersetzen, jedoch primär der Lehre und weniger der theologischen Forschung dienen. Ziel war die Heranbildung aller protestantischen Theologen für das gesamte, sich politisch modernisierende Habsburgerreich. Dementsprechend mussten die Lehrkräfte auch aus der Monarchie stammen. Die Aufteilung der theologischen Fächer bemühte sich, diesem breiten Anspruch entgegenzukommen; der Kirchenhistoriker sollte auch das Kirchenrecht abdecken.
Die Berufungen verzögerten sich etwas, aber – so berichtet die 50-Jahr-Festschrift – „mit Allerh[öchster] Entschliessung vom 14. Jänner 1821 [erfolgte] die Besetzung der Professuren der Kirchengeschichte und des Kirchenrechtes, sowie der Exegese A. C.“ (Frank [1871] 27): Johann Georg Wenrich als Bibelwissenschaftler, Johann Genersich als Kirchenhistoriker. Sie waren die beiden ersten Professoren der neu geschaffenen Lehranstalt.
Überblickt man die Geschichte der Kirchengeschichte an der Wiener Lehranstalt/Fakultät, so lassen sich durchgängig „zwei Schwerpunkte wissenschaftlicher, kirchengeschichtlicher Arbeit feststellen: Patristik und österreichische Protestantengeschichte bzw. Protestantengeschichte der Monarchie“ (Leeb [1997] 40).
Johann Genersich (1821–1823)
Johann Genersich (*15.08.1761, Kesmark/Kežmarok; †18.05.1823, Wien) stammt aus der Zips/Spiš im damaligen Königreich Ungarn. Seiner Nationalität nach war er deutsch, er beherrschte aber auch das Ungarische und das Slowakische, was ihn als Lehrer für den Theologennachwuchs der gesamten Monarchie besonders befähigte. Er absolvierte seine Schul- und propädeutische theologische Ausbildung, obwohl lutherisch, u. a. am renommierten Reformierten Kollegium in Debrezin/Debrecen, v. a. aber am Evangelischen (d. h. lutherischen) Lyzeum in Pressburg/Bratislava. Danach studierte Genersich, wie viele protestantische Theologen seiner Zeit, in Jena Philosophie, Geschichte und Theologie. Ebenso wie viele seiner Zeit nahm er danach eine Erzieherstelle an.
Er ging danach aber nicht in ein Pfarramt, sondern nahm, weil er sich für die Wissenschaft interessierte, 1788 eine Professur für Geschichte, Philosophie und klassische Philologie am Evangelischen Lyzeum in Kesmark an. Hier wirkte er bis zu seiner Berufung nach Wien.
Schon Zeitgenossen warfen der Protestantisch-Theologischen Lehranstalt in Wien die mangelhafte wissenschaftliche Qualität ihres Lehrpersonals vor. Das gilt keinesfalls für Wenrich, Genersich war aber primär ein angesehener Pädagoge, der zwar viel publizierte, jedoch „ohne wirklich wissenschaftlichen Anspruch“ (Leeb [2023] 42). Außerdem hatte er durch seine patriotische, habsburgtreue Einstellung auf sich aufmerksam gemacht.
Das wird bei den Berufungsverhandlungen deutlich, über die die 50-Jahr-Festschrift berichtet: „Die Consistorialacten bezeichnen ihn als einen der verdienstvollsten Schulmänner des Inlands, gleich achtungswerth in Hinsicht seiner ausgebreiteten Kenntnisse, sowie seines moralischen Charakters, und als einen fruchtbaren, gemeinnützigen pädagogischen, homiletischen und historischen Schriftsteller, dem auch S[ein]e Majestät wegen seiner Geschichte von Österreich eine A. h. [Allerhöchste, d. h. kaiserliche] Belobung zuzuerkennen geruht haben.“ (Frank [1871] 27 f.). Genersichs österreichische Geschichte umfasst immerhin acht Bände, sein wissenschaftliches Interesse war breit gestreut, wie seine Werke zeigen. „Alle seine Arbeiten kennzeichnen ihn als einen gemäßigten Anhänger der religiösen Aufklärung und des aufgeklärten Absolutismus.“ (Leeb [1997] 15).
Genersich war keine lange Wirkungszeit in Wien beschieden: Er starb nach etwa zwei Jahren, nicht zuletzt aufgrund der aufreibenden Aufbauarbeit an der Wiener Lehranstalt, im Mai 1832. 2015 wurde am letzten Wiener Wohnort und Sterbehaus von Johann Genersich in Wien VIII., Florianigasse 36 eine Gedenktafel enthüllt.
Werke (Ausw.): Beiträge zur Schulpädagogik (1792); Von der Liebe des Vaterlandes, 2 Bde. (1793); Über die jetzige Verfassung der protestantischen Schulanstalten in Ungarn (1803); Trajan, 2 Bde. (1811); Biographische Darstellung der großen Männer aller Zeiten und Völker der Welt (1811); Kurze allgemeine Weltgeschichte (1812); Geschichte der österreichischen Monarchie, 8 Bde. (1815–17); Reden über wichtige Gegenstände der Religion (1817); Eusebios, 2 Bde. (1824); Kurzer Abriß der Geschichte von Österreich (1824).
Friedrich Daniel Schimko (1825/26–1864)
Friedrich Daniel Schimko (*04.04.1796, Podluszan/Podlužany [Trenčiansky kraj]; †01.12.1867, Pressburg/Bratislava) wuchs, wie Genersich, dreisprachig auf. Er gehörte zu den ersten Studenten der neuerrichteten Wiener Lehranstalt. Er hatte zuvor seine propädeutische theologische Ausbildung am Evangelischen (d. h. lutherischen) Lyzeum in Pressburg/Bratislava absolviert, war aber, anders als viele seiner Kollegen, wegen der damit verbundenen hohen Kosten, an keiner deutschen Universität gewesen. Schon während seines Studiums zeichnete er sich durch eine hohe Kompetenz in kirchengeschichtlichen Fragen aus. Nach dem überraschenden Tod Genersichs wurde Schimko mit der Supplierung der kirchengeschichtlichen Lehrveranstaltungen betraut und, nach einem Berufungsverfahren, zum Professor für Kirchengeschichte einschließlich des Kirchenrechts ernannt.
Er war „ein Mann von kindlicher Gutmüthigkeit und merkwürdigem Gedächtniss, darum ein lebendiges Compendium der Kirchengeschichte“ (Frank [1871] 41). Theologisch war Schimko ein „reiner Rationalist“ und Anhänger der Aufklärung und trat für die Emanzipation der Juden und gegen Antijudaismus/-semitismus ein. In den Revolutionsereignissen 1848/49, als es galt, auch die evangelischen Kirchen zu erneuern, beteiligte er sich an den Vorsynoden 1848/49. Er erwies sich dabei als ein Verfechter einer presbyterial-synodalen Ordnung, der strikten Trennung von Kirche und Staat sowie der Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Allerdings vertrat er auch eine zu einer Union tendierende Einstellung, die dem slowakischen Luthertum absolut fremd war.
Nach der 1850 erfolgten Umwandlung der „Lehranstalt“ in eine selbständige, d. h. nicht in die Universität eingegliederte „Evangelisch-Theologische Fakultät“ – eine (späte) Frucht der Revolution – wurden auch Dekane gewählt; Schimko bekleidete dieses Amt in den Jahren 1851/52, dann von 1860 bis 1862. 1853 wurde er von der Salana Jenensis mit der Ehrendoktorwürde geehrt.
Publizistisch tat sich Schimko v. a. mit einer bis heute wertvollen kirchenhistorisch-kirchenrechtlichen Darstellung der evangelischen Kirchen hervor; außerdem verfasste er zahlreiche numismatische und archäologische Aufsätze.
Er hatte aber „im Ganzen mehr Freude am Sammeln als am Schreiben“ (Frank [1871] 42). Nach seiner Emeritierung 1864 übersiedelte Schimko nach Pressburg, wo er sich v. a. seiner umfangreichen Sammlung von Antiquitäten, v. a. Münzen, und Büchern widmete, darunter zahlreiche ägyptische Antiquitäten; seine Sammlungen vermachte er dem Evangelischen Lyzeum in Pressburg.
Werke (Ausw.): ... Inest commentatio de numis biblicis …, 2 Bde. (1835–38); Das religiöse Leben im constitutionellen Staate mit besonderer Rücksicht auf die österreichische Monarchie (1850).
Johann Carl Theodor (von) Otto (1851–1887)
Johann Karl Theodor (von) Otto (*04.10.1816, Jena; †11.01.1897, Dresden) war der erste Professor, der aus dem Ausland an die Fakultät berufen wurde; dies war seit der Umwandlung in eine Fakultät möglich geworden. Nota bene: Er war damit, nah dem Philologen Hermann Bonitz und dem Mediziner Franz Theodor von Brücke der dritte Protestant auf einer akademischen Professur in Wien. Im Zuge der Umwandlung in eine Fakultät (eigentlich schon im Herbst 1849) wanderte überdies das Kirchenrecht von der Kirchengeschichte in die Verantwortung des Lehrstuhls für Praktische Theologie, die Karol Kuzmány übertragen wurde.
Mit der Umwandlung in eine Fakultät änderte sich das institutionelle Gesamtprofil. Ottos Berufung als Professor für Kirchengeschichte „neben den alternden Schimko“ (Frank [1871] 59) signalisierte den Umschwung von einer auf das Pfarramt ausgerichteten Lehre (eben der Lehranstalt) hin zu einem theologischen Wissenschaftsbetrieb einer Fakultät, wie er auf den deutschen Universitäten seit Jahrzehnten üblich war.
Führende theologische Schule jener Zeit war die Jenaer. Die Wiener Fakultät bemühte sich deshalb, Wissenschaftler dieser Richtung nach Wien zu bekommen; ausgenommen waren praktische Fächer, die auf die Rahmenbedingungen der Habsburgermonarchie abgestimmt bleiben mussten.
Vor seiner Berufung nach Wien war von Otto seit 1845 Privatdozent, seit 1848 Extraordinarius für Kirchengeschichte an der Universität Jena. Sein akademischer Lehrer dort war Ludwig Friedrich Otto Baumgarten-Crusius, der wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit höchste wissenschaftliche Wertschätzung erfuhr. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse lag auf dem Gebiet der Erforschung der christlichen Dogmengeschichte. Otto folgte seinem Lehrer: sein Hauptwerk ist die Herausgabe frühchristlicher Autoren wie Justinus, Tatian, Athenagoras, Theophilus oder Hermias in einer neunbändigen Sammlung, das in mehreren Auflagen weitergeführt wurde. Sein Forschungsprofil ermöglichte es Otto auch, für zehn Jahre neben seinem kirchenhistorischen Lehrstuhl auch den des Neuen Testaments zu supplieren, bis dieser 1861 durch Carl Albrecht Vogel besetzt wurde.
Als im Zuge des kirchlichen Aufschwungs nach dem Protestantenpatent (1861) das Interesse an der Geschichte des österreichischen Protestantismus wuchs, entwickelte Otto das Profil der Kirchengeschichte an der Fakultät weiter. Zu einem Schwergewicht seiner Arbeit wurde nun die Erforschung der österreichischen Kirchengeschichte. Er war 1879 einer der Mitbegründer der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich und war nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass diese im Nahbereich der Fakultät etabliert wurde: Von 1880 bis 1893 war er deren erster Präsident. Otto „führte […] die einheimische evangelische Protestantengeschichtsforschung an die internationale reformationsgeschichtliche Forschung heran“ (Leeb [1997] 20).
Schon 1848 erhielt Otto die Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg. Insgesamt acht Mal nahm Otto überdies das Amt des Dekans der Fakultät wahr. Darüber hinaus war er 1863 bis 1867 Mitglied des Unterrichtsrates, erhielt 1869 den Titel Regierungsrat zugesprochen, er erhielt die Medaille Litteris et Artibus, die höchste schwedische Auszeichnung auf dem Gebiet der Kunst und Literatur, und wurde 1871 anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Fakultät mit der Verleihung des Ordens der Eisernen Krone nobilitiert. Außerdem war er Träger des griechischen Erlöser-Ordens/Τάγμα του Σωτήρος.
Nach seiner Emeritierung im Jahr 1887 zog er in seine thüringisch-sächsische Heimat zurück, blieb mit der Wiener Fakultät aber in engem Kontakt.
Werke (Ausw.): Corpus apologetarum christianorum saeculi secundi, 9 Bde. (1842 ff.); Zur Charakteristik des heiligen Justinus (1852); Des Patriarchen Gennadios von Constantinopel Confession kritisch untersucht. Nebst einem Excurs über Aretho’s Zeitalter (1864).
Georg Loesche (1887–1916)
(Karl David) Georg Loesche (*22.08.1855, Berlin; †07.03.1932, Königsee) stammte aus Berlin, studierte in Bonn, Tübingen und Berlin. Theologisch war er ein Vertreter der historisch-kritischen Richtung der Theologie und bezeichnete Leopold von Ranke sowie den Kirchenhistoriker August von Hase als seine Vorbilder. Karl Völker urteilte 1933: „Man kann ihn [Loesche] als den genuinen Schüler des Jenenser Altmeisters [Hase] bezeichnen, wiewohl zwischen beiden keine persönlichen Beziehungen bestanden.“ (Völker [1933] 10). Dementsprechend promovierte er 1880 in Jena zum Dr. phil., erwarb jedoch 1883 in Berlin den Grad eines Lizentiaten der Theologie, 1885 erfolgte die Habilitation für Kirchengeschichte. 1887 wurde er nach Wien berufen, zwei Jahre später zum ordentlichen Professor ernannt.
Die Entscheidung für Loesche hatte zweifellos mit seiner Nähe zur Jenaer Theologie zu tun. Der Systematiker A. B., Gustav Frank, selber ein pointierter Vertreter dieser theologischen Richtung, thematisierte in einem Beitrag 1898 den Umschwung des theologischen Profils an der Wiener Fakultät weg von der Jenaer Theologie hin zur Erlanger: „Der erfreulichen Kontinuität an der Fakultät […] folgte ein Wechsel an Personen und Voraussetzungen.“ (Frank [1898] 71). Die Berufung Loesches widersetzte sich dieser Entwicklung: Während sich die Mehrheit der Professorenschaft der Fakultät der Erlanger Theologie zugewandt hatte, blieb die Kirchengeschichte der Jenaer Theologie verbunden.
Loesche war eine dominierende Gestalt im Fakultätsbetrieb und in vielerlei Hinsicht tätig. Das Amt des Dekans bekleidete er in den Jahren 1890 bis 1911 fünfmal; dabei setzte er sich mit Verve, letztlich aber erfolglos für die Aufnahme der Fakultät in die Universität Wien ein. Auf Loesches Initiative ist es aber zurückzuführen, dass 1911/12 die Professoren der Fakultät den Titel ordentlicher Universitätsprofessor erhielten und die Lehrveranstaltungen ins offizielle Vorlesungsverzeichnis der Universität aufgenommen wurden.
Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil: 1890 erhielt er die Ehrenpromotion zum Dr. theol. der Universität Jena, 1909 der Universität Genf; 1908 wurde ihm der Titel Hofrat verliehen, 1921 – schon nach seiner Emeritierung – wurde er zum Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ernannt.
Loesches wissenschaftliches Augenmerk galt besonderes der Erforschung des österreichischen Protestantismus. Dabei vertiefte er ein Arbeitsschwergewicht, mit dem bereits sein Vorgänger Otto begonnen hatte. Loesche baute dazu das Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus, das er zwischen 1889 und 1920 herausgab, zu einem international anerkannten Publikationsorgan aus. Eine groß angelegte urkundliche Geschichte des österreichischen Protestantismus (Monumenta Austriae evangelica) wurde jedoch durch den Ersten Weltkrieg verhindert. Loesches Geschichte des Protestantismus in Österreich wurde zu einem Standardwerk. Loesches wissenschaftlicher Ruf wird auch dadurch dokumentiert, dass er an der 3. Auflage der Theologischen Realenzyklopädie mitarbeitete.
Familiär bedingt emeritierte Loesche 1915 vorzeitig und zog nach Bayern. Seine Beschäftigung mit dem österreichischen Protestantismus hielt er aber aufrecht. So war er 1918 bis 1929 war er Präsident der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus. Er prägte die Historiographie des österreichischen Protestantismus für Jahrzehnte. Obwohl er mit seiner Zugehörigkeit zur Jenaer Schule, seiner Ablehnung der Orthodoxie und dem von ihm vertretenen (deutschnationalen) Kulturprotestantismus sich einerseits der Entwicklung der Fakultät im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts widersetzte, so zeichnet sich andererseits doch gerade dadurch in Loesches Wirken der Weg ins 20. Jahrhundert ab.
Werke (Ausw.): Johannes Mathesius, ein Lebens- und Sitten-Bild aus der Reformationszeit (1895); Geschichte des Protestantismus in Österreich (1.1902; 3.1930); Luther, Melanchthon, Calvin in Österreich-Ungarn (1909); Zur Gegenreformation in Schlesien (1915); Die böhmischen Exulanten in Sachsen (1923); Neues über die Ausrottung des Protestantismus in Salzburg (1929); Georg Loesches Autobiographie. JGPrÖ 99 (1983).
Johannes von Walter (1917–1920)
Johannes von Walter (*07.11.1876, Sankt Petersburg; †05.01.1940, Bad Nauheim) stammt aus einer deutschbaltischen Familie. Er absolvierte zunächst die Ausbildung zum Missionar am Missionsseminar in Neuendettelsau, bevor er in Dorpat/Tartu, Leipzig und Göttingen Theologie und Geschichte studierte. 1901 promovierte er in Göttingen, habilitierte sich im gleichen Jahr und wurde Privatdozent, bevor er 1909 als Extraordinarius nach Breslau/Wrocław berufen wurde. Bei Kriegsausbruch wurde er eingezogen und leistete Kriegsdienst, bis er 1917 an der Wiener Fakultät die Professur für Kirchengeschichte erhielt.
1913 verlieh ihm die Universität Göttingen die Ehrendoktorwürde.
Theologisch stand von Walter in einem Gegensatz zum Kulturprotestanten Loesche. Er ging von der Frömmigkeit als dem wichtigsten Faktor der Kirchengeschichte aus und entfaltete demgemäß die Kirchengeschichte als Frömmigkeitsgeschichte. In seine Göttinger Zeit fällt eine vielbeachtete Arbeit über das Wesen der Religion bei Erasmus und Luther, weite Bekanntheit hat seine zweibändige Geschichte des Christentums aus den 1930er Jahren gefunden.
Von Walter blieb nicht lange in Wien. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie waren die Entfaltungsmöglichkeiten gering, aber auch innerhalb der Fakultät gab es Spannungen. Von Walter wechselte 1920/21 nach Rostock, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1940 lehrte. Prägend für die Wiener Fakultät wurde er in der kurzen Zeit nicht, wohl passte er auch nicht in die Zeitumstände. In seiner Wiener Zeit entstand auch keine größere Arbeit von ihm. Im Kirchenkampf stellte er sich auf die Seite der Bekennenden Kirche.
Werke (Ausw.): Das Wesen der Religion nach Erasmus und Luther (1906); Deutschtum und Christentum (1926); Die Geschichte des Christentums, 2 Bde. (1.1932–1938, 2.1938 f.); Die Theologie Luthers (1940).
Karl Völker (1920/22–1937)
Karl Völker (*01.12.1886, Lemberg/Lwiw; †27.09.1937, Wien) entstammt dem habsburgischen Kronland Galizien (und Lodomerien). Neben der deutschen Muttersprache beherrschte er das Polnische fließend. Er studierte Theologie und Philosophie in Wien, Leipzig und Berlin, wobei seine wichtigsten Lehrer Georg Loesche in Wien und Adolf von Harnack in Berlin waren. An der Universität Wien promovierte er schließlich zum Dr. phil. mit einer Arbeit, die bereits sein zukünftiges wissenschaftliches Wirken vorzeichnet: Der Protestantismus in Polen auf Grund der einheimischen Geschichtsschreibung dargestellt. 1911 erwarb er schließlich das theologische Lizentiat, 1913 habilitierte er sich in Kirchengeschichte.
Um weiterhin als (unbezahlter) Privatdozent der Evangelisch-Theologischen Fakultät verbunden zu bleiben, nahm Völker die Stelle des Inspektors am Evangelischen Theologenheim an und erteilte Religionsunterricht. 1919 wurde er schließlich außerplanmäßiger Professor für Kirchengeschichte an der Fakultät (d. h. ohne feste Anstellung und Gehalt).
Karl Völker fühlte sich zeitlebens dem kirchlichen Leben genauso verbunden wie dem wissenschaftlichen. Das führte zu einer überraschenden Wende in der wissenschaftlichen Laufbahn Völkers: Als 1919 Gustav Adolf Skalský, der seit 1895 Ordinarius für Praktische Theologie in Wien war, nach Prag/Praha ging und dort der Gründungsdekan der Evangelisch-Theologischen Hus-Fakultät/Husovy československé evangelické fakulty bohoslovecké der Prager Universität wurde, war die Praktische Theologie vakant. Da der Lehrstuhl für Kirchengeschichte nach wie vor von von Walter besetzt war, bestand nun die Möglichkeit, Völker endgültig in den Lehrkörper der Fakultät zu übernehmen: als Professor für Praktische Theologie.
Sein eigentliches Fachgebiet blieb aber die Kirchengeschichte. Als von Walter 1920 Wien verließ, war der Weg in die Kirchengeschichte frei. 1922, kurz nach Inkorporierung der Fakultät in die Universität Wien, wechselte Völker auf den Lehrstuhl für Kirchengeschichte.
Er hatte den Lehrstuhl bis zu seinem frühen Tod – mit nur 50 Jahren – im Jahr 1937 inne.
Völkers Forschungsschwerpunkt war die Kirchengeschichte des südostmitteleuropäischen Raumes. Seine Kirchengeschichte Polens aus dem Jahre 1930 war, nicht zuletzt wegen der intensiven Nutzung polnischer Quellen, lange ein Standardwerk; auch in der polnischen Forschung. Eine Gesamtdarstellung der Geschichte des österreichischen Protestantismus blieb jedoch unvollendet. Zahlreiche seiner Aufsätze erschienen im Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, für die er seit 1930 als Herausgeber zeichnete. 1932 übernahm er auch den Vorsitz der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich.
Die Universität Breslau/Wrocław verlieht Völker 1921 die Ehrendoktorwürde, die Polnische Akademie der Wissenschaften und Künste/Polska Akademia Umiejętności in Krakau/Kraków berief ihn 1935 zu ihrem Mitglied, das Osteuropa-Institut in Breslau ernannte ihm zum Ehrenmitglied.
Völker hatte mehrere Schüler, u. a. Hans Koch, Paul Dedic und Wilhelm Kühnert, der ab 1948 den Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Wiener Fakultät innehatte.
Werke (Ausw.): Toleranz und Intoleranz im Zeitalter der Reformation (1912); Die Entwicklung des Protestantismus in Österreich (1917); Die Kirchengeschichtsschreibung der Aufklärung (1921); Mysterium und Agape (1927); Kirchengeschichte Polens (1930).
Hans Georg Opitz (1939–1941)
Hans-Georg Opitz (*01.06.1905, Berlin-Johannisthal; †09.07.1941, bei Lemberg/Lwiw) studierte in Marburg a. d. Lahn und Bonn evangelische Theologie und Altorientalistik. In Berlin wurde Opitz vom bekannten Kirchenhistoriker Hans Lietzmann – er war 1923 der Nachfolger Adolf von Harnacks an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität geworden – als Mitarbeiter der Kirchenväterkommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften gewonnen. 1932 promovierte Opitz mit einer Arbeit über den arianischen Streit und habilitierte sich im Jahr darauf mit Untersuchungen zur Überlieferung der Schriften des Athanasius.
In Berlin galt er als aufgehender wissenschaftlicher Stern der frühen Kirchengeschichte, trotzdem erhielt er in den nächsten Jahren weder in Göttingen noch in Basel oder Marburg einen Lehrstuhl. 1939 bis 1941 war Opitz Herausgeber der angesehenen Theologischen Literaturzeitung.
Es muss nun der Blick nach Wien gerichtet werden: Karl Völkers früher und überraschender Tod 1937 fällt in die letzte Phase des Ständestaates, der die gesamte evangelische Kirche, aber auch die Evangelisch-Theologische Fakultät vor existentielle Fragen stellte. Im Zuge dessen entwickelte man die seit Beginn der Lehranstalt/Fakultät bestehende Ausrichtung auf den südostmitteleuropäischen Raum weiter, bezog sie nun aber in erster Linie auf die evangelischen deutschen Minderheitenkirchen, die keine adäquaten Ausbildungsstätten hatten. Nach dem Anschluss 1938 schienen sich diese Pläne zunächst weiter zu verdichten. Nun sah man an der Wiener Fakultät unter der Federführung von Gustav Entz, dem Praktischen Theologen und Dekan der Wiener Fakultät von 1938 bis 1949, die Möglichkeit gekommen, die Wiener Fakultät zu einem kultur- und bildungspolitischen Zentrum für Südostmitteleuropa umzugestalten. Dazu sollten führende Theologen des Deutschen Reiches nach Wien kommen und die Fakultät zu einer Grenzland-Fakultät für den deutschen Südosten ausbauen.
Die Zeitumstände – das Ende des Ständestaates und die staatliche Eingliederung ins Dritte Reich – bewirkten zunächst eine Verzögerung der Nachbesetzung des kirchenhistorischen Lehrstuhls. 1939 erhielt Opitz schließlich den Lehrauftrag, zunächst erfolgte eine Berufung zum Dozenten neuer Ordnung, im Jänner 1940 wurde er schließlich zum Ordinarius bestellt.
Die Neuausrichtung der Fakultät bedingte, dass sich die Fakultät dem Nationalsozialismus ideologisch öffnete. Opitz war Mitglied der Deutschen Christen und (obwohl Theologe) seit 1937 Mitglieder der NSDAP. Er arbeitete außerdem am (Eisenacher) Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben mit. Dennoch: „Mit ihm kam eine der größten damaligen kirchenhistorischen Begabungen nach Wien.“ (Leeb [1997] 35)
Zu einer tatsächlichen Wirksamkeit Opitz’ an der Wiener Fakultät kam es jedoch nicht: Zwei Tage nach seiner Bestellung zum Ordinarius wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und fiel etwa eineinhalb Jahre später bei Lemberg.
Werke (Ausw.): Untersuchungen zur Überlieferung der Schriften des Athanasius (1935).
Hans von Campenhausen (1940–1944/45; Suppl.)
Hans Freiherr von Campenhausen (*16.12.1903, Rosenbeck/Rozula; †06.01.1989, Heidelberg) war baltendeutscher Abstammung, seine Familie musste aber wegen der Russischen Revolution nach Deutschland ziehen. Er studierte in Heidelberg und Marburg a. d. Lahn Theologie und Geschichte, wobei ihm besonders Rudolf Bultmann und Hans von Soden sowie Martin Dibelius prägten. Von Campenhausen spezialisierte sich auf frühe Kirchengeschichte; er promovierte in Heidelberg und habilitierte sich 1928 in Marburg. Zu einer Berufung kam es jedoch nicht.
Von Campenhausens wissenschaftliche Laufbahn dokumentiert die Schwierigkeiten der Wissenschaftler im Dritten Reich: Obwohl er dem Nationalsozialismus gegenüber distanziert war, entschloss er sich 1933, das Bekenntnisses der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat zu unterzeichnen. In weiterer Folge trat er aber der Bekennenden Kirche bei. Von Campenhausens wissenschaftliche Karriere wurde (vorerst) durch seine Distanz um Nationalsozialismus behindert; Berufungen scheiterten an politischen Gründen. Er übernahm jedoch in Gießen, Greifswald, Göttingen, Kiel und Heidelberg jedoch Lehraufträge, bevor er 1940 – als Vertretung für den eingezogenen Opitz – nach Wien kam. Für drei Semester konnte er einen normalen Forschungs- und Lehrbetrieb durchführen, dann wurde auch von Campenhausen im Sommer 1941 eingezogen wurde. Zwar wurde er dann immer wieder fallweise vom Militärdienst freigestellt, von einer geregelten Tätigkeit konnte aber nicht mehr gesprochen werden.
Als von Campenhausen nach Wien kam, begannen die hochfliegenden Pläne zum Ausbau der Wiener Fakultät bereits zu zerbersten. Die politische Führung, die das Projekt anfänglich gefördert hatte, wandte sich im Zuge der nationalsozialistischen Kirchenpolitik immer mehr ab und verhinderte schließlich den Aufbau. Zunehmend wurden auch die Kriegsfolgen deutlicher und bestimmten das wissenschaftliche Leben (die Einberufung Opitz ist ein äußeres Zeichen dessen). Dies begründet auch die nicht erfolgte Berufung von Campenhausens in Wien.
Unter dem ideologischen und politischen Druck des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges sank die Zahl der Studenten in Wien drastisch und betrug nur mehr unter zehn. Spätestens 1943 wurde das Konzept der Grenzland-Fakultät für den deutschen Südosten von Berlin aus endgültig aufgegeben. Der Plan, orthodoxe Studenten aus den mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten Südosteuropas anzusprechen, konnte keine Abhilfe schaffen.
Im Wintersemester 1944/45 wurde von Berlin die Stilllegung der Fakultät verfügt, was aber durch den Dekan Gustav Entz rückgängig gemacht werden konnte. An der Fakultät studierte kein regulärer Hörer mehr; die Zahl der Studenten insgesamt betrug vier, wobei keiner mehr protestantisch war (drei Orthodoxe, ein Altkatholik). Unter diesen Umständen kam der Wissenschaftsbetrieb an der Wiener Fakultät endgültig zum Erliegen.
Hans von Campenhausen übernahm 1945 den Lehrstuhl für Kirchengeschichte in Heidelberg und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten protestantischen Kirchenhistoriker des 20. Jahrhunderts. In seiner Wiener Zeit entstanden jedoch, zweifellos den Zeitumständen geschuldet, keines seiner großen Werke; ebenso war seine Wirksamkeit eingeschränkt.
Werke (Ausw.): Ambrosius von Mailand als Kirchenpolitiker (1929); Die Passionssarkophage (1929); Die Idee des Martyriums in der alten Kirche (1936); Kirchliches Amt und geistliche Vollmacht in den ersten drei Jh.en (1953); Die Entstehung der christlichen Bibel (1968); Theologenspieß und -spaß (1973; mehrere weitere Ausgaben); Die „Murren“ des Hans Frh. v. Campenhausen (2005).
Wilhelm Kühnert (1948–1971)
Wilhelm Kühnert (*28.02.1900, Straßburg/Strasbourg; †18.11.1980, Wien) entstammte einer fränkischen Familie. Er studierte in Erlangen, Greifswald und Leipzig; hier wurde er 1926 auch Assistent. 1929/30 kam er schließlich – nicht zuletzt wegen des reformierten Dogmatikers Josef Bohatec – nach Wien, dissertierte 1930 in Philosophie und 1934 in Theologie; die theologische Dissertation über Gabriel Biel verfasste er bei Karl Völker. Wien wurde nun sein ständiger Lebensmittelpunkt, 1933 erwarb er die österreichische Staatsbürgerschaft. Seinen Lebensunterhalt erwarb er als Religionslehrer.
Während des Zweiten Weltkrieges war Kühnert als Wehrmachtspfarrer tätig. Weltanschaulich hatte er eine Nähe zum bürgerlichen Nationalismus der frühen Zwischenkriegszeit, dem Nationalsozialismus stand er gerade deshalb distanziert gegenüber, fiel aber auch nicht als Gegner auf. Kühnert konnte deshalb nach 1945 wieder als Gymnasiallehrer tätig werden.
Die Situation an der Fakultät war nach 1945 schwierig: nur mehr zwei Professoren waren verfügbar: der Systematiker H. B. Josef Bohatec und der Praktische Theologe Gustav Entz; der Alttestamentler Fritz Wilke hatte aus politischen Gründen zunächst Lehrverbot. Seitens der Fakultät – wie insgesamt in der österreichischen Evangelischen Kirche – verständigte man sich nach den katastrophalen Erfahrungen im Ständestaat und Dritten Reich auf eine weitgehende politische Abstinenz, eine „Austrifizierung“ (Karl W. Schwarz). Die Fakultät konzentrierte sich nun auf die Ausbildung zukünftiger Geistlicher, denn durch die Kriegsumstände und das Entstehen neuer Gemeinden durch die volksdeutschen Flüchtlinge bestand darin ein großer Bedarf. Lehrkräfte aus Deutschland wollte man unter diesen Umständen nicht nach Österreich holen.
Der Fakultätsbetrieb unterlag damit einer „Verkirchlichung“ (Leeb [2023] 64), bis in die 1970er Jahre verstand sie sich als „eine gemeinsame (!) Angelegenheit von Staat und Kirche“ (Schwarz [1990]); ein Zugang, der auch von der Kirche geteilt wurde.
Unter diesen Umständen lag es nahe, österreichische Geistliche mit wissenschaftlichem Potential an die Fakultät zu holen: einer davon war Wilhelm Kühnert. 1946 erhielt er einen Lehrauftrag für Kirchengeschichte, 1947 habilitierte er sich mit einer Arbeit über Leibniz, 1948 wurde Kühnert außerordentlicher, 1951 schließlich ordentlicher Professor für Kirchengeschichte. Außerdem übernahm er zwischen 1961 und 1971 das Kirchenrecht.
Wilhelm Kühnert war konservativer Lutheraner, ein Gegner der rationalistischen Theologie des 19. Jahrhunderts; eine Position, die ihn v. a. in den 1960er Jahren in Gegensatz zu „linken“ Professoren (v. a. den Systematikern Wilhelm Dantine und Kurt Lüthi) brachte. Neben seiner universitären Tätigkeit beteiligte er sich – ganz im Sinne des Profils der Fakultät in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – stark am Leben der Kirche, u. a. in der Synode. Dementsprechend verstand Kühnert die Kirchengeschichte als pointiert theologische Disziplin.
Kühnerts wissenschaftliches Œuvre beschränkt sich auf zahlreiche Aufsätze, von denen viele in der theologischen Fachzeitschrift Amt und Gemeinde und v. a. im Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich erschienen. Kühnert war für fast drei Jahrzehnte, 1951 bis 1978, Herausgeber des Jahrbuchs und zwischen 1955 und 1973 Herausgeber von Amt und Gemeinde.
Auch die Herausgeberschaft dieser beiden Publikationen dokumentiert das Forschungsinteresse Kühnerts. Gustav Reingrabner sieht seine Bedeutung „vor allem darin, daß er der Frage nach dem Selbstverständnis des österreichischen Protestantismus nach dem Toleranzpatent von 1781 nachgegangen ist“ (Reingrabner [1999] 885) – die Frage nach der eigenen Identität war die kirchlich bestimmende in den Jahrzehnten nach 1945.
Kühnert war viermal Dekan (1951/52, 1957/58, 1962/63 und 1967/68). 1970 erfolgte seine Emeritierung.
Werke (Ausw.): Unsere Kirche im Wandel der Zeiten, in: Die Evangelische Kirche in Österreich (1962); Leibniz als ökumenischer Theologe. Amt und Gemeinde [Wien] 18 (1967); Die verfassungsrechtliche Entwicklung der Evangelischen Kirche in Österreich zur Zeit der ersten Republik. Österreichisches Archiv für Kirchenrecht 21 (1970); Vom Leben der evangelischen Toleranzkirche Österreichs. Österreichisches Archiv für Kirchenrecht 28 (1977); Die Rechtsstellung der Wiener Evangelisch-theologischen Fakultät im Kraftfeld von Staat und Kirche, in: Ex aequo et bono (1977).
Grete (von) Mecenseffy (1952–ca. 1970)
Grete (Margarethe) (von) Mecenseffy (*09.08.1898, Wien; Österreich-Ungarn; †11.09.1985, Gallneukirchen) entstammt einer großbürgerlich-adeligen Familie; ihr Vater Artur war Feldmarschallleutnant, fiel aber 1917. Mecenseffy, die reformierten Bekenntnisses war, studierte zunächst Geschichte und Germanistik in Wien und promovierte 1921 über die Beziehungen Englands zu Österreich-Ungarn. 1923 wurde sie Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Geographie an verschiedenen gymnasialen Bildungseinrichtungen. Neben ihrem Brotberuf bereitete sie sich aber eine wissenschaftliche Laufbahn vor und betrieb Archivstudien in Wien, Paris, London und v. a. in Madrid zu den spanisch-österreichischen Beziehungen des 17. Jahrhunderts. 1944 erhielt sie deshalb einen Preis des Ibero-Amerikanischen Instituts in Hamburg.
Mit dem Dritten Reich arrangierte sie sich, ohne aber Parteimitglied der NSDAP zu werden. 1946 wurde sie dennoch aus dem Schuldienst entlassen und 1948 in den dauernden Ruhestand versetzt.
Mecenseffy orientierte sich nun vollkommen neu, fing ein Theologiestudium an und spezialisierte sich auf Kirchengeschichte bei Wilhelm Kühnert. Neben Wien studierte sie in Zürich und Basel, wo sie u. a. Karl Barth hörte. 1951 promovierte sie schließlich in Wien über die oberösterreichische Protestantismusgeschichte. 1951/52 wirkte sie überdies als Visiting lecturer am renommierten Theologischen Seminar in Princeton, NJ.
Auch wenn Grete Mecenseffy niemals Ordinaria im dienstrechtlichen Sinn war, gehört sie in der Reihe der Kirchengeschichtslehrer unbedingt genannt. Immerhin war sie die erste Dozentin an der Wiener Evangelisch-Theologischen Fakultät:
Bereits 1952, ein Jahr nach ihrer Promotion, habilitierte sie sich für evangelische Kirchengeschichte, ebenfalls mit einer Arbeit zum oberösterreichischen Protestantismus; ab 1952 lehrte sie an der Fakultät. Obwohl für sie kein eigener Arbeitsplatz geschaffen werden konnte, wurde ihr 1958 der Berufstitel außerordentliche Professorin, 1965 ordentliche Professorin zuerkannt.
Mecenseffy legte mehrere bedeutsame Werke zum österreichischen Protestantismus vor, v. a. ihre 1956 erschienene Geschichte des Protestantismus in Österreich prägte für Jahrzehnte die einschlägige Forschung und wies sie als „maßgebliche Historiographin“ (Schwarz [2024] 306) des österreichischen Protestantismus aus.
Schon in Zürich wurde Mecenseffy auf die Geschichte der Täufer aufmerksam, die zu einem ihrer wichtigsten Forschungsgebiete wurde. Ein Fulbright-Stipendium ermöglichte ihr Forschungen am Mennonite College in Goshen, IN. Von 1964 bis 1983 veröffentlichte Mecenseffy drei einschlägige Quellenwerke. Die 600-Jahr-Feier der Alma Mater Rudolphina im Jahr 1965 nahm sie zum Anlass, ein umfangreiches Werk über die evangelischen Universitätslehrer vorzulegen.
Mecenseffy engagierte sich ebenso in der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus; der Herausgabe des Jahrbuchs galt dabei ihr besonderes Augenmerk.
Neben ihrer universitären Tätigkeit war Mecenseffy – wie dies dem Profil der Fakultät in jenen Jahren entsprach – in der Kirche aktiv. Zwischen 1954 und 1972 gehörte sie der Redaktion des Reformierten Kirchenblattes an und verfasste zahlreiche Beiträge. 1958 stellte sie sich als Lehrkraft an der wiedereröffneten, traditionsreichen evangelischen Lehrerbildungsanstalt in Oberschützen und zeitweise als deren Leiterin zur Verfügung. Als langjähriges Mitglied der Synode H. B. wie auch der Generalsynode setzte sie sich vehement für die Frauenordination und die Gleichstellung von Theologinnen ein. Sie selbst wurde 1966 als eine der ersten Theologinnen zur Pfarrvikarin ordiniert.
Neben ihrem Berufstitel Professorin erfuhr Mecenseffy zahlreiche Anerkennung: so wurde sie u. a. 1957 Mitglied der Südostdeutschen Historischen Kommission, 1965 erhielt sie die Ehrendoktorenwürde der Theologischen Fakultät der Universität Bern, 1982 erhielt sie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.
Grete Mecenseffy bot bis Ende der 1960er Jahre regelmäßig Lehrveranstaltungen an, war jedoch bis in die 1970er Jahre an der Fakultät immer wieder präsent.
Werke (Ausw.): Die Beziehungen Englands zu Österreich-Ungarn von 1866–1871 (1921); Karls VI. spanische Bündnispolitik 1725–1729 (1934); Zwei evangelische Städte und ihre Ratsbürger. Freistadt und Steyr im 16. Jh. (1951); Geschichte des Protestantismus in Österreich (1956); Quellen zur Geschichte der Täufer, 11. Bd. (1964), 13. Bd. (1972), 14. Bd. (1983) (gem. mit M. Schmelzer); Evangelische Lehrer an der Wiener Universität (1967); Die evangelischen Kirchen Wiens (gem. mit H. Rassl, 1980).
Alfred Raddatz (1971–1996)
Alfred Raddatz (*15.03.1928, Berlin; †07.06.2006, Wien) wurde in Berlin geboren. Der Reale Sozialismus der sich konsolidierenden Deutsche Demokratischen Republik prägte seine erste Lebensphase: Er studierte Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie an der ostdeutschen Humboldt-Universität und wurde 1953 Assistent am Institut für Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst; dem 1849 gegründeten, weltweit ersten dieser Art an einer theologischen Fakultät.
1959 promovierte Raddatz mit einer Arbeit über das Ecclesia und Synagoge-Motiv und in Verbindung damit eine christlich-jüdische Konfliktgeschichte.
1959 erhielt einen Lehrauftrag in Greifswald, Rostock, dann an der Humboldt-Universität. 1963 erfolgte seine Habilitation in Berlin über das weströmische Kaisertum und das römische Bischofsamt, seit 1966 wirkte er als Dozent. Schon damals fiel er durch sein markantes Auftreten auf, das Assoziationen an ein pommersches Junkertum wachrief, ihn in zunehmenden Gegensatz zu den kommunistischen Ideen seiner Umgebung brachte und eine Berufung nach Greifswald verhinderte.
In den 1970er Jahren begann die Wiener Fakultät, aus dem Profil, das sie sich nach 1945 gegeben hatte, herauszutreten und sich neu zu profilieren. Im Zuge dessen wurden, den aktuellen Zeitfragen entsprechend, bestehende Lehrstühle neu konzipiert und neue geschaffen. So wurde 1971 nicht nur das Kirchenrecht wieder von der Kirchengeschichte abgelöst und eine eigene Professur geschaffen, die von Christoph Link übernommen wurde, sondern gleichzeitig das Institut für Kirchengeschichte mit neuen Wissenschaftsfeldern bereichert, wofür die Berufung Alfred Raddatz’ steht und seine wissenschaftliche Prägung in Berlin Pate stand: das Institut für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst wurde geschaffen.
Raddatz’ Forschungsschwergewicht lag nicht nur in der Vermittlung christlicher Kunst, sondern v. a. auch im jüdisch-christlichen Dialog. Seine wissenschaftliche Leistung in der Aufarbeitung des (früh-) christlichen Antijudaismus lag weniger an der Erarbeitung umfangreicher Studien als vielmehr in der Vermittlung neuer Positionen. 1974 wurde er zum Vizepräsidenten des Koordinierungsausschusses für christliche-jüdische Zusammenarbeit gewählt, 2001 bis 2003 war er dessen Präsident. Raddatz war auch eine der treibenden Kräfte, als 1998 die Evangelische Kirche die Erklärung Zeit zur Umkehr – Die Evangelischen Kirchen und die Juden anlässlich der 60-Jahr-Erinnerung an das Novemberpogrom von 1938 verabschiedete.
Raddatz war Vorsitzender der Subkommission Österreich der Internationalen Kommission für Vergleichende Kirchengeschichte, von 1972 bis 1978 Herausgeber der Zeitschrift Kairos. Dreimal (1973/74, 1988/89 und 1989/90) war Raddatz Dekan, 1996 wurde er emeritiert, bot aber noch bis 2006 Vorlesungen an.
Werke (Ausw.): Die Entstehung des Motivs „Ecclesia und Synagoge“ (1959); Weströmisches Kaisertum und römisches Bischofsamt (1963); Ecclesia in throno Synogogae, in: Theologia scientia eminens practica (1979); Johann Ecks Widerlegung der Schrift Osianders gegen die Blutbeschuldigung der Juden, in: Zur Aktualität des Alten Testaments (1992); Zur Geschichte eines christlichen Bildmotivs: Ecclesia und Synagoge, in: Die Macht der Bilder (1995); Kirchengeschichte – Mischmasch von Irrtum und Gewalt? Wiener Jahrbuch für Theologie 1 (1996).
Peter F. Barton (1972/80–1995)
Peter F. Barton (*25.02.1935, Wien; †04.07.2014, Wien) studierte Theologie, Philosophie und Geschichte an den Universitäten Wien und Göttingen sowie in Bossey und Heidelberg. 1957 promovierte er in Wien bei Wilhelm Kühnert zum Dr. theol. mit einer Arbeit über Tilemann Heshusius. Nach einer Assistententätigkeit zwischen 1958 und 1962 in Münster habilitierte sich Barton mit einer Schrift über Ignatius Aurelius Fessler im Jahr 1966 für Kirchengeschichte an der Wiener Fakultät. 1971/72 erhielt er in Nachfolge von Grete Mecenseffy einen Lehrauftrag, allerdings wie diese (zunächst) außerplanmäßig. Seinen Lebensunterhalt verdiente Barton ab 1964 als Lehrer an verschiedenen Wiener Gymnasien; eine Tätigkeit, die er bis 1982 ausübte.
Nach dem Ausscheiden von Kühnert und Mecenseffy änderte das Institut für Kirchengeschichte mit der Berufung Alfred Raddatz’ sein Profil und öffnete sich bewusst nicht nur international, sondern auch mit Hereinnahme der christlichen Archäologie und der kirchlichen Kunst neuen Forschungsschwergerichten.
Dadurch entwickelte sich als zweites Forschungsgebiet die österreichische Protestantismusgeschichte heraus. Dem sollte ein eigenes Institut dienen, das 1972/73 ins Leben gerufen wurde: das Institut für Protestantische Kirchengeschichte. Mit seiner Leitung wurde nun der Kirchenhistoriker Barton betraut. Das Institut war eine Paralleleinrichtung zu dem 1956 gegründeten Ostkircheninstitut der Evangelischen Kirche in Deutschland. Während der Fokus der Arbeit des Ostkircheninstituts in Münster – Barton kannte es aus seiner Zeit als Assistent in Münster – sich jedoch schon in den 1960er Jahren immer mehr auf das nördliche Osteuropa konzentrierte, sollte sich das Wiener Institut für Protestantische Kirchengeschichte mit dem Protestantismus in Südostmitteleuropa beschäftigen; zunächst mit den ehemaligen deutschen Minderheitenkirchen, bald aber schon mit dem Protestantismus in seiner ganzen Vielfalt. Es verstand (und versteht) sich als „Brücke zwischen Kirchen und Kulturen“ (Barton/Bucsay/Stupperich).
Trotz intensiver Bemühungen gelang es jedoch nicht, dieses Institut der Wiener Evangelisch-Theologischen Fakultät einzugliedern. Immerhin wurde Barton 1972 zum außerordentlichen Professor ernannt. Erst 1980 gelang es, einen entsprechenden Dienstposten an der Fakultät zu erhalten. 1993 wurde Barton zum ordentlichen Universitätsprofessor ernannt.
Wissenschaftlich war Barton von Anfang an höchst aktiv: 1980 folgte die Promotion zum Dr. phil. über Fesslers Tätigkeit in Preußen.
Das Institut für Protestantische Kirchengeschichte gab unter Barton mehr als 40 Bände in mehreren Reihen der Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte heraus (deren Ordnung manchmal verwirrend ist), viele davon stammen von Barton selbst oder sind vom ihm herausgegeben. Besonderen Bekanntheitsgrad erreichten die beiden von Barton herausgegebenen Bände zum 200-Jahr-Jubiläum des Toleranzpatents. Ebenso große Wirkung erreichte seine 1987 erschienene österreichische Protestantismusgeschichte Evangelisch in Österreich.
In den Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte erschien aber auch bspw. 1992 das impulsgebende Werk von Hannelore Reiner über die Rolle der Frauen im kirchlichen Leben (Das Amt der Gemeindeschwester am Beispiel der Diözese Oberösterreich …). Eine äußerst umfangreiche Bibliographie zum österreichischen Protestantismus kam über den ersten Band nicht hinaus.
Seit 1970 gehörte Barton dem Vorstand der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus an, 1979 wurde er zu deren Präsidenten gewählt (bis 1996). Zahlreiche Ehrungen wurden Barton zuteil, nicht zuletzt wurde ihm (dem Lutheraner) 1992 durch die Reformierte Károli-Gáspar-Universität/Károli Gáspár Református Egyetem in Budapest das Ehrendoktorat verliehen.
1995 emeritierte Barton, bis 1999 war er Leiter des Instituts für Protestantische Kirchengeschichte; seine Nachfolge trat Karl W. Schwarz an. Barton setzte aber an der Fakultät seine Lehrtätigkeit bis 2013 fort.
Werke (Ausw.): Sozialrevolution und Reformation (1975); Jesuiten, Jansenisten, Josephiner (1978); Erzieher, Erzähler, Evergeten (1980); Im Zeichen der Toleranz (1981); Im Lichte der Toleranz (1981); Maurer, Mysten, Moralisten (1982); Romantiker, Religionstheoretiker, Romanschreiber (1983); Die Geschichte der Evangelischen in Österreich und Südostmitteleuropa, Tl. 1 (1985); Evangelisch in Österreich (1987); Bibliographie zur Geschichte der evangelischen Christen und des Protestantismus in Österreich und der ehemaligen Donaumonarchie, Bd. 1 (1999).
Wolfgang Wischmeyer (1996–2013)
Wolfgang Karl Wischmeyer (*05.10.1944, Kassel; †20.06.2025, Erlangen) studierte Kunstgeschichte, Klassische und Christliche Archäologie sowie Theologie in Freiburg, Göttingen und Heidelberg, wo er ab 1969 Assistent am christlich-archäologischen Institut wurde. Hier war u. a. Hans von Campenhausen sein Lehrer, der in den 1940er Jahren in Wien einer der späteren Vorgänger Wischmeyers in Wien am Lehrstuhl für Kirchengeschichte war. 1973 promovierte Wischmeyer in Heidelberg, 1975/76 wurde ihm das angesehene Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts zuerkannt, 1977 folgte die Habilitation wieder in Heidelberg mit einem Schwerpunkt in Archäologie und Kunstgeschichte über Sarkophagdeckel aus konstantinischer Zeit in Rom.
Wischmeyer war anschließend als Pfarrer in Württemberg und Bayern tätig, ohne dabei seine wissenschaftliche Laufbahn zu vernachlässigen: Er versah außerdem eine außerplanmäßige Professur in Heidelberg und später Erlangen.
1996 trat er die Nachfolge von Alfred Raddatz am Institut für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst an. Sein Forschungsschwergewicht lag bei den ersten Jahrhunderten des Christentums, wobei es ihm vornehmlich um sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte ging, wie in seiner Dissertationsschrift über das spätantike Christentum in den beiden süditalienischen Provinzen Apulien und Calabrien oder seiner 1992 vorgelegten Sozialgeschichte der Kirche im 3. Jahrhundert Von Golgotha zum Ponte Molle. Wischmeyer publizierte seine Forschungen in zahlreichen Beiträgen und Lexikonartikel, u. a. in der 4. Auflage von Religion in Geschichte und Gegenwart. „Die Frage nach den Entwicklungen im Verhältnis der frühen Christinnen und Christen zur antiken Gesellschaft insgesamt und nach den Verflechtungen dieser beiden nicht voneinander trennbaren Größen bildete den cantus firmus vieler seiner Arbeiten.“ (Pilhofer/Heil 1).
Wischmeyers Forschung war deshalb von jeher von einer Transdiziplinarität geprägt, in Wien vertiefte er die Vernetzung mit Philologen, Historikern und Archäologen der Universität Wien und der österreichischen Akademie der Wissenschaften weiter. Der interdisziplinäre Arbeitskreises zum christlichen Diskurs in Spätantike und Frühmittelalter wurde ihm eine wichtige Forschungsplattform. 1997 wurde Wischmeyer Mitglied der Kirchenväterkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, außerdem fungierte er als Mitherausgeber der Zeitschrift für Antikes Christentum/Journal of Ancient Christianity. Ausdruck der von Wischmeyer geförderten internationalen Zusammenarbeit ist, dass er zwischen 1998 und 2015 den Vorsitz des Südostmitteleuropäischen Fakultätentages (SOMEF), einer Plattform protestantischer Fakultäten im südostmitteleuropäischen Raum, innehatte.
Wischmeyer engagierte sich darüber hinaus auch in der Synode der Evangelischen Kirche H. B. sowie im Theologischen Ausschuss der Evangelischen Kirche A. u. H. B.
2013 emeritierte Wischmeyer, blieb aber wissenschaftlich weiterhin aktiv, wie die Herausgabe mehrerer Bände von Märtyrertexten belegt.
2017 wurde Wischmeyer das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse verliehen.
Werke (Ausw.): Griechische und lateinische Inschriften zur Sozialgeschichte der alten Kirche (1982); Von Golgatha zum Ponte Molle (1992); Süd-Ost-Mitteleuropäischer Fakultätentag für evangelische Theologie, Dokumentation der Kongresse 1999 und 2001 (2002) (gem. mit K. W. Schwarz); „… zur Zeit oder Unzeit“. Studien zur spätantiken Theologie-, Geistes- und Kunstgeschichte (2004) (gem. mit A. M. Ritter/W. Kinzig); Dokumentation der vierten Konferenz der SOMEF „Theologische Ausbildung an protestantischen Fakultäten Südmitteleuropas“ 2005 in Bratislava (2005) (gem. mit R. Schelander); Heiliger Text. Die identitätsbildende Funktion klassischer Texte innerhalb einer Gemeinschaft (2007) (gem. mit H. de Roest); Das Kalenderhandbuch von 354 – der Chronograph des Filocalus, 2 Bde. (2014) (gem. mit Johannes Divjak); Märtyrerliteratur (2015) (gem. mit H. R. Seeliger).
Rudolf Leeb (1996–2023)
Rudolf Leeb (*19.09.1958, Afritz am See) studierte Theologie und Kunstgeschichte sowie Byzantinistik in Wien und Tübingen. Ab 1987 war er Assistent am Institut für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst an der Wiener Fakultät. 1989 promovierte er im Fach Kirchengeschichte zum Dr. theol. mit einer Arbeit über Kaiser Konstantin, 1994 promovierte er außerdem zum Dr. phil. im Fach Kunstgeschichte über die Anfänge des protestantischen Kirchenbaues.
Nach seiner Habilitation 1995 über den Missionsgedanken im Frühmittelalter wurde Leeb 1996 außerordentlicher Professor für Kirchengeschichte, Christliche Archäologie und Kirchliche Kunst. Im Jahr 2004 wurde Rudolf Leeb schließlich Professor.
Seit den 1970er Jahren differenzierte sich das Profil der Kirchengeschichte zunehmend in einen Bereich der allgemeinen Christentumsgeschichte einerseits, andererseits einen immer selbständiger werdenden, spezifischen Bereich der Geschichte des österreichischen Protestantismus, der jeweils von einem Professor wahrgenommen wurde.
Diese Differenzierung wird auch an Rudolf Leeb deutlich: Lag sein wissenschaftliches Hauptaugenmerk zunächst bei den Christianisierungsprozessen in der Spätantike und im frühen Mittelalter, so verlagerte sich sein Arbeitsschwerpunkt zunehmend zur Geschichte des Protestantismus, insbesondere des protestantischen Kirchenbaus, und hierbei mit einem besonderen Fokus auf Österreich.
2010 gestaltete Leeb die Oberösterreichische Landesausstellung zu Renaissance und Reformation im Schloss Parz bei Grieskirchen mit, die eine große Öffentlichkeitswirkung entfaltete. Zu einem öffentlichkeitswirksamen Ereignis wurde die von Leeb mitkuratierte, höchst erfolgreiche Ausstellung Brennen für den Glauben, die im Jahr 2017 anlässlich des 500-Jahr-Jubiläums der Reformation im Wien-Museum gezeigt wurde.
Ein besonderes Anliegen war Leeb die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, v. a. im Bereich der österreichischen Protestantismusgeschichte; viele davon wurden, nicht zuletzt im Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich, publiziert.
Im September 2023 emeritierte Rudolf Leeb. Einmal, allerdings für zwei Jahre, war Leeb Dekan der Fakultät (2018/19 und 2019/20). Zwischen 2005 und 2020 war er Präsident der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. In zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften ist er Mitglied: u. a. der Kunsthistorischen Gesellschaft, der Byzantinischen Gesellschaft, der Arbeitsgemeinschaft Christliche Archäologie zur Erforschung spätantiker, frühmittelalterlicher und byzantinischer Kultur, dem Verein für Reformationsgeschichte, der Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts, dem Institut zur Erforschung der frühen Neuzeit.
Werke (Ausw.): Konstantin und Christus (1992); Zu Geschichte und Konzeption der österreichischen Protestantengeschichtsschreibung, in: Die Kirche als historische und eschatologische Größe (1994); Kirchenbau und bildende Kunst der Reformationszeit, in: evangelische kunst und kultur in der steiermark (1996); Der Streit um den wahren Glauben – Reformation und Gegenreformation in Österreich, in: R. Leeb/M. Liebmann/G. Scheibelreiter/P. Tropper, Geschichte des Christentums in Österreich (2003) 145–279; Der Einfluss von Cyriakus Spangenberg auf die habsburgischen Erblande und das Erzstift Salzburg, in: Reformatoren im Mansfelder Land (2006); Staatsmacht und Seelenheil. Gegenreformation und Geheimprotestantismus in der Habsburgermonarchie (2007) (gem. mit mit S. Cl. Pils/Th. Winkelbauer); Das Buch zum Weg. Kirchen-, Kunst- und Kulturgeschichte am Weg des Buches (2008; 2.2009) (gem. mit A. Schweighofer/D. Weikl); Geheimprotestantismus und evangelische Kirchen in der Habsburgermonarchie und im Erzstift Salzburg (17./18. Jh.) (2009) (gem. mit M. Scheutz/D. Weikl); Das Bildprogramm der Fresken von Schloss Parz, in: Renaissance und Reformation (2010); Die Heiligkeit des reformatorischen Kirchenbaues – oder: Was ist heilig? Über Sakralität im Protestantismus, in: Protestantischer Kirchenbau in der Frühen Neuzeit in Europa (2015); Brennen für den Glauben (2017) (gem. mit W. Öhlinger/K. Vocelka).
Literatur (Auswahl)
- Barton Peter F. [1976], Das „Institut für protestantische Kirchengeschichte, Wien“ – Eröffnung und erste Arbeitsvorhaben; in: Ders./Mihály Bucsay/Robert Stupperich, Brücke zwischen Kirchen und Kulturen (Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte II,1; Wien–Köln–Graz 1976) 80–89
- Barton Peter F. [1981], In memoriam Wilhelm Kühnert. JGPrÖ 97 (1981) V–X
- Barton Peter F. [1997], Georg Loesche und das Periodisierungsproblem der Fakultätsgeschichte. Zwischen Politik, Kirchenpolitik, Kulturprotestantismus und Nationalismus; in: Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien 1821–1996, hg. von Karl W. Schwarz/Falk Wagner (Schriftenreihe des Universitätsarchivs Universität Wien 10; Wien 1997) 51–69
- Barton Peter F./Bucsay Mihály/Stupperich Robert, Brücke zwischen Kirchen und Kulturen (Studien und Texte zur Kirchengeschichte und Geschichte II,1; Wien–Köln–Graz 1976)
- Brennecke Hanns Christof, Monumente und Texte – Der Weg eines Kirchenhistorikers von Berlin nach Wien. Zum Gedenken an Alfred Raddatz (1928–2006). Wiener Jahrbuch für Theologie 8 (2010) 425–436
- Dedic Paul, Karl Völker zum Gedächtnis. JGPrÖ 59 (1938) 1–14
- Frank Gustav [1871], Die K. K. Evangelisch-Theologische Facultät in Wien. Von ihrer Gründung bis zur Gegenwart. Zur Feier ihres fünfzigjährigen Jubiläums (Wien 1871)
- Frank Gustav [1897], In memoriam Dr. Karl Ritter von Otto †. JGPrÖ 18 (1897) 111
- Frank Gustav [1898], Gesammelte Beiträge zur jüngeren Geschichte der k. k. Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien (Orig.titel: Symbolae ad recentiorem C. R. ordinis Theologorum evangelicorum Vindobonensis historiam congestae [1898]; übers. von K. Trenkwitz). JGPrÖ 117/118 (2002) 68–74
- Graf-Stuhlhofer Franz, Wiener Evangelische Professoren der Theologie im Spiegel der Gau-Akten. Dokumentation zu Beth, Egli, Entz, Hajek, Hoffmann, Koch, Kühnert, Opitz, Schneider und Wilke. JGPrÖ 116 (2000–2001) 191–225
- Knall Dieter, Peter Barton zur Vollendung des sechzigsten Lebensjahres. JGPrÖ 110/111 (1994/1995) 7–10
- Kühnert Joachim, Wilhelm Kühnert. Ein Versuch der Darstellung des politischen Menschen. JGPrÖ 121 (2005) 57–90
- Kühnert Wilhelm [1976], Aus den Anfängen der späteren Wiener evangelisch-theologischen Fakultät: Friedrich Daniel Schimko. JGPrÖ 92 (1976) 55–84
- Kühnert Wilhelm [1978], Worte des Dankes – Grete Mecenseffy [zum 80. Geburtstag]. JGPrÖ 94 (1978) 5–6
- Leeb Rudolf [1997], Zum wissenschaftlichen Profil der an der Fakultät lehrenden Kirchenhistoriker und zur österreichischen evangelischen Protestantengeschichtsschreibung; in: Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien 1821–1996, hg. von Karl W. Schwarz/Falk Wagner (Schriftenreihe des Universitätsarchivs Universität Wien 10; Wien 1997) 13–48
- Leeb Rudolf [2023], Eine kurze Geschichte der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Wien (1821–2021). Wiener Jahrbuch für Theologie 14 (2023) 37–66
- May Gerhard, Wilhelm Kühnert als Universitätslehrer und theologischer Forscher. JGPrÖ 106 (1990) 3–18
- Mecenseffy Grete, Eine Schülerin Professor Kühnerts erzählt. JGPrÖ 96 (1980) 9–10
- Pilhofer Philipp/Heil Uta, In memoriam Wolfgang Wischmeyer (1944–2025). Universität Wien; URL: backend.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/f_etf/Nachruf_Wischmeyer.pdf [Abfr. v. 10.02.2026]
- Raddatz Alfred [1986], Margarethe von Mecenseffy in memoriam. JGPrÖ 102/103 (1986/87) 145–150
- Raddatz Alfred [2000], Grete Mecenseffy und Spanien. Wiener Jahrbuch für Theologie 3 (2000) 217–222
- Reingrabner Gustav [1983], DDr. Dr. h.c. Margarethe von Mecenseffy zum 85. Geburtstag. JGPrÖ 99 (1983) 30–32
- Reingrabner Gustav [1999], „Kühnert, (Friedrich) Wilhelm“. Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 16 (1999) 885–887
- Reingrabner Gustav [2000], Erinnerungen eines Schülers [an Grete Mecenseffy]. Wiener Jahrbuch für Theologie 3 (2000) 223–230
- Ritter Adolf Martin, Hans von Campenhausen (16.12.1903–6.1.1989) – ein protestantischer Kirchenhistoriker in seinem Jahrhundert. Heidelberger Jahrbücher 34 (1990) 157–169
- Schwarz Karl W. [1981], In memoriam Wilhelm Kühnert. Österreichisches Archiv für Kirchenrecht 32 (1981) 3–10
- Schwarz Karl W. [1985], In memoriam Grete Mecenseffy. Südostdeutsches Archiv 28/29 (1985/86) 181–183
- Schwarz Karl W. [1990], Die Wiener Evangelisch-theologische Fakultät – eine gemeinsame (!) Angelegenheit von Staat und Kirche; in: Pax et Iustitia (Festschrift für Alfred Kostelecky), hg. von Hans Walther Kaluza/Hans R. Klecatsky/Heribert Franz Köck/Johannes Paarhammer (Berlin 1990) 171–182
- Schwarz Karl W. [2005a], „Faszination Kirchengeschichte“. Peter F. Barton und „sein“ Institut für Kirchengeschichte des Donau- und Karpatenraumes – eine Würdigung anlässlich seines 70. Geburtstages. Amt und Gemeinde [Wien] 56 (2005) 3–4 u. 54–61
- Schwarz Karl W. [2005b], Von der Spree zur Donau: Auf den Spuren des Mathesiusbiographen Georg Loesche. JGPrÖ 121 (2005) 353–371
- Schwarz Karl W. [2009], Grete Mecenseffy; in: Historikerinnen. Eine bibliographische Spurensuche im deutschen Sprachraum, hg. von Hiram Kümper (Kassel 2009) 133–139
- Schwarz Karl W. [2013], Von Käsmark nach Wien. Der Zipser Literat und Pädagoge Johann Genersich (1761–1823) als Theologieprofessor an der Protestantisch-Theologischen Lehranstalt; in: Die Zips – eine kulturgeschichtliche Region im 19. Jahrhundert. Leben und Werk von Johann Genersich (1761–1823), hg. von István Fazekas/Karl W. Schwarz/Csaba Szabó (Wien 2013) 79–95
- Schwarz Karl W. [2014], In memoriam Prof. Peter F. Barton (25.2.1935–4.7.2014). Testimonia theologica 8 (2014), Heft 2, 185–189
- Schwarz Karl W. [2015], Zum Gedenken an Prof. Peter F. Barton (25.2.1935–4.7.2014). JGPrÖ 131 (2015) 9–13
- Schwarz Karl W. [2017], Georg Karl David Loesche – der Historiker des österreichischen Protestantismus und seine Forschungen zu Johannes Mathesius; in: Johannes Mathesius. Rezeption und Verbreitung der Wittenberger Reformation durch Predigt und Exegese, hg. von Armin Kohnle/Irene Dingell (Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie 30; Leipzig 2017) 29–50
- Schwarz Karl W. [2021a], „Wie verzerrt ist nun alles!“ Die Evangelisch-Theologische Fakultät in Wien in der NS-Ära (Wien 2021)
- Schwarz Karl W. [2021b], Die Evangelisch-Theologische Fakultät in Wien [2021]. Universität Wien; URL: somef.univie.ac.at/fakultaeten/evangelisch-theologische-fakultaet-der-universitaet-wien/geschichtliches/ [Abfr. v. 28.09.2025]
- Schwarz Karl W. [2024a], Evangelische Theologie in Wien. Fakultäts- und wissenschaftsgeschichtliche Beiträge (Religion & Bildung 10; Wien 2024)
- Schwarz Karl W. [2024b], In memoriam Alfred Raddatz, den Vordenker zum „Weg der Umkehr“. Dialog – Du Siach Nr. 134 (Jän. 2024) 12–17
- Trauner Karl-Reinhart [2002], Von Jena nach Erlangen. Ein Beitrag zum Wechsel theologischer Schulen an der Evangelisch-Theologischen Fakultät zu Wien. JGPrÖ 117/118 (2002) 48–83 [= Ders. (2021) 119–137]
- Trauner Karl-Reinhart [2021], Student sein in Wien – an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Beiträge zu ihrem 200-jährigen Bestandsjubiläum (Kulturgeschichtliche Betrachtungen Neuzeit 1; Szentendre 2021)
- Völker Karl [1932], Georg Loesche †. JGPrÖ 53 (1932) 3–4
- Völker Karl [1933], Georg Loesche. Ein Beitrag zur Geschichte der Wiener evangelisch-theologischen Fakultät. JGPrÖ 54 (1933) 3–56
- Wischmeyer Wolfgang [1997], Hans von Campenhausen in Wien; in: Zeitenwechsel und Beständigkeit. Beiträge zur Geschichte der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Wien 1821–1996, hg. von Karl W. Schwarz/Falk Wagner (Schriftenreihe des Universitätsarchivs Universität Wien 10; Wien 1997) 209–214
- Wischmeyer Wolfgang [2006], Alfred Raddatz. 1928–2006. Wiener Jahrbuch für Theologie 6 (2006) 355–360
- Wolf Ernst; Johannes von Walter in memoriam. Akademische Gedächtnisrede vom 5.3.1940; in: Die Theologische Fakultät Rostock unter zwei Diktaturen. Studien zur Geschichte 1933–1989 (Festschrift für Gert Haendler), hg. von Heinrich Holze (Rostocker theologische Studien 13; Münster 2004) 67–82
- Zimmermann Harald, Laudatio auf Wilhelm Kühnert. JGPrÖ 96 (1980) 5–7